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Innere Konflikte

Primär werden Konflikte als Gefühl in uns wahrgenommen. Auch zwischenmenschliche und Gruppenkonflikte haben ihren Ausgangspunkt in uns selbst.

Der Mensch ist "ein Herdentier", also ein "Sozialwesen" und kann sich deshalb auch nur über den Bezug zu anderen Menschen selbst definieren. Egal, um welche Form der Interaktion es geht, immer sind auch die Vorstellungen, die Erinnerungen, die Ermahnungen, die Belehrungen, die Erfahrungen usw. anderer Menschen ein Teil von uns selbst. Aus diesem Grund spielen Innere (oder auch intrapsychische bzw. intrapersonale) Konflikte eine große Rolle.

Innere Konflikte können bewusst oder unbewusst sein.

 

Bewusste innere Konflikte

Wenn ein bewusster innerer Konflikt auftritt, ist das für uns so, als schlügen zwei Herzen in unserer Brust. Die eine Seite will, die andere nicht. Es kommt also zu einer Ambivalenz.

Stellen Sie sich vor, Ihnen wird eine Beförderung in Aussicht gestellt. Dies würde ein besseres Gehalt und vielleicht auch mehr Gestaltungsmöglichkeiten und Verantwortung bei der Arbeit bedeuten. Gleichzeitig wollen Sie aber mehr Zeit mit Ihrer Familie verbringen. Und iIr Partner/Ihre Partnerin wären möglicherweise nicht gerade begeistert, wenn Sie nun ständig Überstunden leisten müssten.

Wie entscheiden Sie sich also?

Folgendes Modell kann helfen, die Grundstrukturen eines solchen Ambivalenz-Konfliktes zu erkennen. Entwickelt wurde es vom Soziologen und Psychologen Kurt Lewin. Er unterscheidet drei grundlegende Ambivalenz-Konflikte:

 

1.    Annäherungs-Annäherungs-Konflikt

        Die Konstellation liegt vor, wenn zwei oder mehr Ziele gleichermaßen erstrebenswert sind, diese aber         nicht gleichzeitig verfolgt werden können. Das eine Ziel zu erreichen, führt dazu, das andere Ziel zu         vernachlässigen. Bezogen auf das obige Beispiel würde das bedeuten, dass Sie möglicherweise auf         mehr Zeit mit Ihrer Familie verzichten müssten, wenn Sie sich für die Beförderung entscheiden. Oder         Sie können mehr Zeit mit der Familie verbringen, fühlen sich beruflich aber möglicherweise nicht         erfüllt und auch das Einkommen stagniert, weil Sie auf die Beförderung verzichten.

 

2.    Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt

        Wollen Sie ein bestimmtes Ziel erreichen, müssen Sie hierfür andererseits unangenehme         Konsequenzen in Kauf nehmen. Etwas für Sie Erstrebenswertes kann nur für den Preis von etwas nicht         Erstrebenswertem erreicht erreicht werden. Häufig sind die Nachteile, die sich aus solchen Konflikten         ergeben, bleibender Natur. Bezogen auf das obige Beispiel könnte dies bedeuten: Sie entscheiden sich         für eine Beförderung, können aber nicht erleben, wie Ihre Kinder aufwachsen. Möglicherweise führt         Ihre Entscheidung sogar zu einer Trennung. Wie Sie sehen, entscheidet Ihre ganz persönliche Sicht auf         die Dinge, wie ein Problem wahrgenommen wird.

 

3.    Vermeidungs-Vermeidungs-Konflikt

        In diesem Konflikttyp muss zwischen zwei unangenehmen Alternativen entschieden werden. Es gilt         also festzulegen, welche Alternative das berühmte kleinere Übel darstellt. Das obige Beispiel stellt         keinen typischen Vermeidungs-Vermeidungs-Konflikt dar. Dies wäre nur dann der Fall, wenn Sie von         sich aus eine gewisse Angst verspüren würden, die Beförderung anzunehmen, weil Sie glauben, der         Verantwortung nicht gewachsen zu sein.

 

Unbewusste innere Konflikte

Unter den Psychotherapeuten gibt es zwei große Lager: Das tiefenpsychologisch orientierte und das verhaltenstherapeutisch orientierte. Das hat ganz pragmatische Gründe: Nur diese beiden Verfahren werden von den Krankenkassen bislang als wissenschaftlich fundiert anerkannt. Daneben existieren zwar auch viele weitere Verfahren, diese können aber nicht an der Vergütung des gesetzlichen Gesundheitssystems teilhaben und sind damit durch die Lobbyisten des alten Systems auf ein Hobby-Niveau verwiesen. Das ist in der Konsequenz zwar kontraproduktiv aber letztlich handelt es sich um einen Sachverhalt, mit dem so mancher Psychotherapeut eben leben muss.

Mittlerweile gibt es eine sehr große gemeinsame Schnittmenge an Grundsätzen und Erkenntnissen. So haben die Tiefenpsychologen auch kognitive Konzepte in ihre Arbeit aufgenommen, die früher als Verhaltenstherapie galten. Und die Verhaltenstherapeuten haben tiefenpsychologische Konzepte in ihre Arbeit integriert.

Die Mehrheit der praktizierenden psychologischen Psychotherapeuten (Dipl.-Psych.) in Deutschland ist offiziell verhaltenstherapeutisch tätig. Die Mehrheit der ärztlichen Psychotherapeuten (z.B. Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie) ist offiziell tiefenpsychologisch orientiert.

An dieser Stelle beziehe ich mich jedoch auf die gemeinsame Schnittmenge, die diese unterschiedlichen therapeutischen Verfahren gefunden haben, also auf jede un- oder vorbewussten Prozesse im Menschen, die für sein Fü+hlen, Wollen und Handeln verantwortlich sind:

 

Konfliktmodell der klassischen Psychoanalyse nach Sigmund Freud

Die Konflikte zwischen Es, Ich und Über-Ich sind in ihrer vereinfachten Form zu Allgemeinwissen geworden. Diese Begriffe sollen hier in der gewohnten historischen Form von ca. 1915 vereinfacht erklärt werden:

In Freuds frühem Strukturmodell der Persönlichkeit steht Es für die Triebimpulse sowie für den primären Lustgewinn (Lustprinzip). Tendenziell wollen diese Regungen sofort in Handlungen umgesetzt werden. Das Über-Ich verkörpert in diesem Modell die verinnerlichten Normen und Werte (Gewissen). Es entscheidet damit, eas richtig und was falsch ist. Viele dieser Normen und Werte sind nicht durch eigene Überlegungen und Reflexionen entstanden, sondern werden gesellschaftlich tradiert und durch die Eltern oder andere nahestehende Bezugspersonen vermittelt. Das Ich ist die integrative Instanz, die vermittelnd, abwägend, kompromiss- und kooperationsbereit die schlecht vereinabar scheinenden Ansprüche von Es und Über-Ich in einen Handlungskompromiss überführt, der in der realen Welt lebbar ist (Realitätsprinzip). Hinzu kommt das sogenannte Ich-Ideal, die Vorstellung von einem Ich, die sich in der Realität nicht umsetzen lässt.

Viele Wünsche des Es sind angstbesetzt, wie z.B. wilde, triebhafte Impulse. Insbesondere diese lassen sich mit den Moralvostellungen des Über-Ich nicht vereinbaren. Solche Impulse werden dann unbewusst abgewehrt, um das Ich und das Bewusstsein in seiner Stabilität nicht zu gefährden.

Beispiel: Sie spüren auf der Arbeit unbewusste sexuelle Impulse (Es) gegenüber einer Mitarbeiterin/einem Mitarbeiter. Das Über-ich erkennt aber, dass sich "so etwas nicht gehört" (Schließlich befinden Sie sich gerade auf der Arbeit und außerdem sind sowohl Sie als auch das Objekt Ihrer Begierde bereits anderweitig liiert). Bevor Ihr Ich nun erfährt, welche Impulse Sie da verspüren, wird dieser Impuls abgewehrt und in den Impuls "sich etwas Gutes tun - Schokolade essen" abgewehrt. Hierauf meldet sich das Über-ich erneut und meldet: "Schokolade macht dick!". Ihr Ich versteht diesen Einwand zwar, lässt sich aber durch Ihr Ich-Ideal davon überzeugen, dass Ihre sportliche Figur ruhig noch einige Tafeln Schokolade vertragen könne (was objektiv nicht stimmt). Das Ich handelt daraufhin zwischen Es und Über-ich einen Kompromiss aus: Statt einer ganzen Tafel Schokolade wird nur ein Riegel gegessen.

 

Diese Modell wirkt in dieser Form vielleicht etwas naiv und kann in der Praxis auch nur schlecht im Rahmen von Konfliktseminaren praxisnah verdeutlicht werden. Es ist aber dennoch hilfreich, wenn wir widerstrebende innere Impulse bearbeiten möchten und hierfür eine Vereinfachung suchen.

Die heutigen angewandten psychoanalytischen Modelle sind weitaus differenzierter. Sie wirken in ihrer Darstellung nicht mehr so vereinfachend oder gar naiv wie die Darstellung des historischen Freudschen Strukturmodells.

 

Neben diesem Struktumodell sind vier weitere Ideen zur Konfliktentstehung erwähnenswert:

 

Alfred Adlers Individualpsychologie

Adler hat das Konzept des Minderwertigkeitsgefühls und der Kompensation betont. Er ging davon aus, dass der Mensch auf sein Leben und die Welt Einfluss nehmen, Beides gestalten und entsprechend wirken möchte. und er  betonte auch die Bezogenheit des Menschen auf andere: Der Mensch vergleicht sich mit anderen Menschenund könnte, gemessen an den anderen oder seinen eigenen Idealen, ein Gefühl der Minderwertigkeit entwickeln. Davor haben Menschen Angst und versuchen, diese Minderwertigkeitsgefühle mit großer Energie zu kompensieren, Konflikte werden nach Adler also aus der Anstrengung geboren, Minderwertigkeitsgefühle zu kompensieren und den eigenen Lebensentwurf zu verwirklichen.

 

Carl Gustav Jungs analytische Psychologie

Jung griff zwar Freuds Strukturmodell auf, ebenso Adlers Minderwertigkeits-Kompensations-Idee, sah  beides aber nicht als vorrangig an. Er betonte das Streben nach Selbstentfaltung und Sinn. Jung nahm an, dass der Mensch bestrebt sei, einen Ausgleich zwischen dem Bewussten sowie dem Unbewussten herzustellen. Hierbei steht das Sinnhafte unserer Selbstwerdung im Vordergrund. In Problemen bei der Individuation sah er die Quelle unbewusster Konflikte. Seiner Ansicht nach ist der der Mensch in der ersten Lebenshälfte eher pragmatisch orientiert und sucht nach Geltung und Zugehörigkeit. Hieraus entstünden Konflikte zwischen Lust- und Realitätsprinzip. In der zweiten Lebenshälfte stehe eine höhere Sinnsuche im Vordergrund, wodurch es zu Konflikten mit inneren pragmatischen Rollenanforderungen und einer neuen Orientierung im Individuationsprozess komme. Dieser Konflikt wurde als Midlife-Crisis bekannt.

 

Viktor Frankls Logotherapie und Existenzanalyse

Ach Frankl hat die Modelle von Freud und Adler in seine Konzepte integriert. Er betont, dass der Menschn zu jeder Zeit ein freies, entscheidungsfähiges Wesen ist und die Verantwortung für sein Leben tragen möchte. Das Hauptaugenmerk liegt auch bei Frankl auf der Sinnsuche; diesen Sinn sieht er jedoch nicht nur metaphysisch (wie Jung), sondern im ganz konkreten Leben. Nur durch Erschaffen, Erleben, Annehmen des Schicksals lasse sich dieser Sinn verwirklichen. Innere Konflikte entstünden, wenn mangelnde Selbstdistanzierung und übermäßige Selbstbeobachtung (Hyperreflexion) die freie Sinnsuche und Sinnwahrnehmung blockieren. Dies schränke die Entscheidungsfähigkeit und Weltbezogenheit des Individdums ein und führe zu einer Konzentration auf innere, nicht konstruktive Prozesse.

 

Jakob L. Morenos Psychodrama und Soziometrie

Moreno war der Begründer der Gruppenpsychotherapie. Er ging davon aus, dass Menschen durch die Übernahme vielfältiger Rollen in ihrem psycho-sozialen Bezugssystem  (er nannte es "Soziales Atom") bestimmt werden. Persönlichkeit realisiere sich durch Umfang und Qualität dieses Bezugssystems und durch die Vielfalt und Beweglichkeit des Rollenrepertoires. Er war damit der Begründer der systemischen Therapie. Die Entwicklung von Rollenübernahmen,  gelungene Selbstwahrnehmung und das Erfahren subjektiver Freiheitsgrade sah er als unabdingbar an, um sich als Mensch frei entfalten zu können. Diese freie Entfaltung in alle Möglichkeiten nannte er Sponaneität. Innere Rollenkonflikte und interaktionelle Störungen des subjektiv wahrgenommenen Bezugssystems seien Quellen innerer Konflikte.

 

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